Das Kamerawerk Gebr.Wirgin
in Wiesbaden

Meine eigenen Beziehungen zur Edixa Reflex



Im Sommer 1957 begegnete mir im Schaufenster eines Stuttgarter Fotohändlers zum ersten Mal eine Edixa Reflex. Ich entsinne mich,  dass ich vor allem vom ungewöhnlichen Design der zweiteiligen Klappe über dem Lichtschacht fasziniert  war.
Für mich, der nach einer Werkzeugmacherausbildung in der VEB Zeiss Ikon in Dresden noch ein Jahr im Werkzeugbau des Kamerawerkes in Niedersedlitz gearbeitet hatte und nun bei der Zeiss Ikon AG in Stuttgart angestellt war, bedeutete damals die Exakta Varex noch das höchste der Gefühle. 
Ich  wunderte  mich  sehr,  dass es  im  freien  und  viel  weiter  fortgeschrittenen  Teil  Deutschlands  keine einäugige Spiegelreflexkameras mit austauschbaren Objektiven und Sucherelementen gab.  Führend waren hier noch immer die hochwertigen Messsucherkameras Contax und Leica und natürlich auch die zuverlässige Contaflex mit ihrem wunderbar klaren Sucher, die ja aber keine richtige Systemkamera darstellte.
Die Edixa Reflex war die einzige westdeutsche Kamera in einer Kategorie, in welcher ich die Zukunft sah. Kein Wunder, dass die tüchtigen Japaner schliesslich das Rennen machten. Die Dresdner hätten es vielleicht auch geschafft, wenn ihnen die freie Marktwirtschaft ungehindert zur Verfügung gestanden hätte.
Nach einer Spezialausbildung in der Zeiss Ikon AG zum Auslandsmechaniker führte mein Berufsweg im Herbst 1959 nach Skandinavien. 
In Dänemark wurde damals die Firma Gebr.Wirgin, die die Edixa Reflex herstellte, von der Handelsfirma Belgisk Import Co. vertreten.  Diese bat mich,  auf meinem Weg nach  Kopenhagen noch drei Wochen im Kamerawerk  Gebr.Wirgin in Wiesbaden Aufenthalt zu nehmen, um die Edixa Reflex gründlich kennen zu lernen. Also sprach ich auf der Taunusstrasse in der Verwaltung der Firma Gebr.Wirgin  bei dem freundlichen, für den Vertrieb verantwortlichen Herrn Pyrlik vor, und wurde sofort in die Fabrik auf der Dotzheimer Strasse 172 geschickt. 
Hier arbeitete ich knappe drei Wochen an allen Arbeitsgängen bei der Montage der Edixa Reflex mit. Erst durch die Edixa Reflex lernte ich den Aufbau und die Technik einer einäugigen Spiegelreflexkamera mit Schlitzverschluss richtig kennen. 
Für mich war es hochinteressant und lehrreich, die Arbeitsweise in der Firma Gebr.Wirgin mit der bei der Zeiss Ikon AG zu vergleichen. In der Zeiss Ikon wurden alle Teile mit hoher Präzision und grösstem Finish gefertigt, so dass die Teile bei der Montage schon passten und nur geringe Justagen notwendig waren. Anders im Kamerawerk Gebr.Wirgin. Hier waren die Teile ziemlich grob hergestellt, hatten auch eine gröbere Oberflächenbeschaffenheit, und mussten deshalb bei der Montage individuell angepasst werden.  Die Mechaniker  bogen, feilten  und polierten  an den einzelnen Teilen herum,  bis die Sache funktionierte. 

Regelrecht schockiert war ich darüber, wie die Schrauben gesichert wurden. Den Senkschrauben wurde ganz einfach ein Schlag mit einem Körner versetzt. Ich liess mir erzählen, dass ein Mechaniker die Sache mal rationalisieren wollte, indem er die Kameras garnicht mehr aus dem  Transportkasten nahm,  wenn er auf den Körner schlug.  Zum allgemeinen Spass passierte es dann, dass der Boden des Kasten herausflog.
Ich habe auch eine Erinnerung daran, dass neben dem Montageleiter Herrn Eisenmann einige Male ein kleiner, gedrungener Herr sass, der seinen Kopf regelrecht zwischen den Schultern hatte und daher kaum über die Tischkante schauen konnte. Das war Henry Wirgin, der Eigentümer der Firma. Die Kollegen berichteten von seiner Knauserei und sie äfften nach, wie er, wenn es um Ausgaben ging, mit den Händen ausschlug und mit nasaler Stimme verkündete: "Kein Geld! Zu teuer! Kein Geld!"
In Dänemark war ich dann bis in die Mitte der sechziger Jahre mit dem Service an der Edixa Reflex beschäftigt. Die Edixa war eine robuste und zuverlässige Kamera, mit der ich selbst sehr gerne fotografierte. 
Reklamationen erhielten wir nur wegen der ungleichen Belichtung bei 1/1000 Sekunde und weil das Hemmwerk bei den langen Belichtungszeiten bis zu 1 Sekunde oft nicht ordentlich durchziehen wollte.

Meiner Ansicht nach lag der ungleiche Verschlussablauf bei 1/1000 Sek. unter anderem daran, dass die Verschlussrollos nicht von einer Trommel abrollten, wie z.B. bei der Leica und der Nikon, sondern von Achsen relativ kleinen Durchmessers. Ausserdem hatte die Achse für das 1.Rollo auch Nocken, die die Synchrokontakte betätigten. Auch das verursachte eine Hemmung beim Verschlussablauf.
1962 bekamen wir die Edixa electronica in die Hand. Sie war formschön und für den Techniker interessant. Im Gebrauch aber wirkte sie langsam und störanfällig. Noch sehe ich vor mir, wie bei dem Druck auf die Reglertaste der Blendenring sich ruckartig drehte, und wenn dieser seinen Anschlag erreicht hatte, der Zeitenring die Bewegung fortsetzte. Das war genial und der Zeit weit voraus (der Servo DS-1 der Nikon F2, der auch den Blendenring motorisch drehte, kam erst 1973). Aber in der Praxis wollte doch niemand mit der Edixa electronica anbinden. Ich glaube nicht, dass bei uns ein einziges Exemplar dieser Kamera verkauft wurde.
Im August 1963 besuchte ich nochmals für einen Tag die Serviceabteilung des Kamerawerkes Gebr.Wirgin in Wiesbaden. Dann liess das Interesse an der Edixa Reflex nach, weil nun ansprechendere Spiegelreflexkameras aus Japan den Markt zu beherrschen begannen. 


Meine eigenhändigen Aufzeichnungen vom September 1959

Meine kompletten Notizen sind hier zu lesen,
gescannt und abgetippt von Herrn Göran Göttsche

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